Sprache, Dialekt

Ortsnamen verraten uns viel über die Entwicklung der Sprache. Gewisse Siedlungsnamen (wie Mörschwil, Reggenschwil, Beggetwil usw.) reichen bis in die althochdeutsche Zeit zurück, und die über die Jahrhunderte aus Urkunden überlieferten Schreibweisen berichten uns über den Wandel der Sprache. Viele Wörter sind in Vergessenheit geraten und wurden irgendwann nicht mehr verstanden. Doch sie leben in Ortsnamen zum Teil bis auf den heutigen Tag weiter. Ortsnamen sind also gewissermassen eine Art Spracharchiv. Sie konservieren den Wortschatz, den Lautstand und die Syntax aus früheren Zeiten.


Mörschwiler Dialekt

Man kann nicht von einem spezifischen Mörschwiler Dialekt sprechen; die Menschen in Mörschwil SG sprachen und sprechen einen typischen Ostschweizer Dialekt. Zwischen den einzelnen Regionen der Ostschweiz lassen sich jedoch erhebliche Unterschiede feststellen: so können wir einen Appenzeller, einen Rheintaler und einen Stadt-St.Galler problemlos über ihren Dialekt identifizieren. Wie in vielen Teilen der Schweiz hat sich der Dialekt auch in unserer Region über die letzten Jahrzehnte verändert und abgeschliffen, so dass man heute einen Mörschwiler und einen Stadt-St.Galler vom Dialekt her - anders als früher - nicht mehr unterscheiden kann. Wie sich der Mörschwiler Dialekt verändert hat, lässt sich im Flurnamenmaterial erkennen:

Der Weiler Aachen hat seinen Namen nicht etwa – wie man vermuten könnte – von einem nahe gelegenen Bachlauf erhalten; das althochdeutsche Wort aha bedeutet „Fluss, Bach, Wasser, Strömung“ und findet sich in zahlreichen Ortsnamen wieder, beispielsweise in Oberaach TG. Auch mit der bekannten alten Kaiserstadt Aachen hat unser Weiler nichts zu tun. Vielmehr zeigt sich im Weilernamen der alte Mörschwiler Dialekt, der – wie in weiten Teilen des Thurgaus – aus "Eichen" eben "Aachen" machte.

Das gleiche Phänomen findet sich im Hofnamen Staag; heute würde man von der Steig sprechen. Der Sprachwissenschaftler bezeichnet dieses Phänomen (Wandel von -ei- zu -aa-) als Monophtongierung.

Etliche erloschene Flurnamen zeigen, dass dieses Lautgesetz, das heute nurmehr einigen älteren Mörschwilerinnen und Mörschwilern geläufig ist, früher für unsere Mundart charakteristisch war: Blachenacker † (1781; = Bleichenacker), Brat Büehl † (1802; = Breitbüel), Bach Rahn † (1802; = Bachrain), Banzen Rahn † (1802; = Banzenrain), im Rahn † (1802), Rähnle † (1802), Rahn Bumert † (1802), Lahm  (1802). Interessant ist, dass die Ehrat-Karte von 1781 und das entsprechende Lehenbuch 52 sowohl von Staiger Halden als auch von Stager Halden sprechen. Der Hof Staag wird sogar erstmals in der Eschmann-Karte (1840-1846) monophtongiert geschrieben, in zahlreichen Urkunden aus früheren Jahrhunderten jedoch immer Staig. Aachen wird zwar einmal 1455, konsequent aber erst ab 1781 monophtongiert geschrieben. Und das Breitbüel wird im Helvetischen Kataster von 1802 sowohl als Breit Büehl wie auch als Brat Büehl erwähnt. Der Banzenrain wurde 1781 noch Banzen Rhain, 1802 aber schon Bantzen Rahn geschrieben.

Vielleicht kann man daraus die Schlussfolgerung ziehen, dass sich die Monophtongierung von -ei- zu -aa-  in unserer Gemeinde erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts oder Anfang des 19. Jahrhunderts durchsetzte. Heute erlischt diese Mode wieder.... Dass die Monophtongierung übrigens auch im Stadtsanktgaller Dialekt von 1900 bekannt war, belegen verschiedene Hinweise und Beispiele im St.Galler Wörterbuch von Prof. Dr. Alfred Toth und im Büchlein "St.Galler Mundart" von E. Hausknecht (1916): Gaass (Geiss, Ziege), Flaasch (Fleisch), elaa (allein), aage (eigen) und viele mehr...

Ein weiteres Lautgesetz, das die Mundarten im Raum St.Gallen - Oberthurgau , und damit auch in Mörschwil SG, prägte und bis heute prägt, sind die so geannten Vokalsenkungen von -i- zu -e- sowie von -u- zu -o- (vgl. auch Hausknecht, 1916). So sagen alteingesessene Mörschwiler für den Stiefel "Schtefel" sowie für den Hund und die Brücke "Hond" bzw. "Brogg". Dafür gibt es auch im Ortsnamenmaterial einige Belege: Bronenweid † (1802 erwähnt; = "Brunnenweide"), Bronen Wiess  (1802 erwähnt; = "Brunnenwiese"), Hag Bronen † (1802 erwähnt; = "Hagbrunnen"), Bönntli † (1802 erwähnt; = "Büntli").

Östlich einer Linie Kreuzlingen - Wil sagt man Tangge, Agger oder Beggeli, westlich davon sowie in der Stadt St.Gallen Tanke, Acker und Beckeli. Mörschwil SG liegt damit östlich der so genannten "Beggeligrenze". Im Flurnamenmaterial taucht in den Urkunden jedoch meistens Acker oder Akher auf, und nur in einigen wenigen Belegen findet sich Agger (zum Beispiel ist 1802 neben Ackeren auch die Form Aggeren belegt). Dies mag aber daher rühren, dass die Urkunden natürlich nicht in Dialekt geschrieben wurden.

Eine weitere Besonderheit findet sich in den zahlreichen monophtongierten Bomm-Flurnamen, wie etwa in Kriessböml[i] W[ai]d (1802). Auch heute noch hört man noch bei den eingesessenen Mörschwilern statt Baum die Form Bomm.

An diesen Beispielen zeigt sich auf eindrückliche Art und Weise, wie sich in Ortsnamen alte Dialektformen erhalten, welche in der gesprochenen Mundart bereits mehr oder weniger verloren gegangen sind. Viele häufig vorkommende Flurnamen sind heute nicht mehr verständlich, weil sie Wörter enthalten, die heute nicht mehr oder kaum mehr in Gebrauch sind. Einige Beispiele sind unter dem Link Flurnamen-Quiz enthalten: Albere, Büchel, Rain, Brüel, Geren, Löhr, Loo, Matte, Bitzi, Bünt, Bilche, Hueb, Bachgalen, Halde, Lee..... Versuchen Sie Ihr Glück!

Wenn Sie einen Quiz über die Bedeutung von Flurnamen machen wollen, klicken Sie auf diesen Link. 

Folgende Quellen wurden im Kapitel "Sprache, Dialekt" verarbeitet:

  • Ehrat, J. N. (1781). Lehenbuch der Gemeind Mörschwil. Band 52. [Landkarten]. Massstab ca. 1:4'000
  • Helvetischer Kataster (1802). Gemeinde Mörschwil.
  • Hausknecht, E. (1916). St.Galler Mundart. Separatdruck. St.Gallen: Fehr'sche Buchhandlung.
  • Nyffenegger, E. & Graf, M. (2007). Thurgauer Namenbuch. Die Flurnamen des Kantons Thurgau. Frauenfeld: Huber
  • Spiess, E. (1976). Mörschwil zwischen Bodensee und St.Gallen. Ein Dorf im Strom der Zeit 760 – 1900. 2 Bände. Politische Gemeinde Mörschwil (Hrsg.)
  • Toth, Alfred (2011). Der stadtsanktgaller Dialekt um 1900. Online. Tucson (AZ).