Historische Flurordnung

Das Gebiet eines typischen Dorfes war - bis etwa Ende des 18. Jahrhunderts - in drei Nutzungszonen unterteilt. Etwas vereinfacht gesagt bestand das Dorfgebiet aus dem Wohnbereich mit den Hofstätten und den Pflanzgärten, ausserhalb des Wohnbereichs schloss sich die Ackerflur an, die in drei Zelgen unterteilt war, und die dritte Nutzungszone schliesslich war die Allmend, die das kollektiv genutzte Weideland und den Wald umfasste.

Diese Flurordnung wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts oder zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgegeben, die damit verbundenen Flurnamen leben jedoch teilweise heute noch nach. Für Mörschwil schreibt Spiess (S. 18): "Nach den Plänen [...] vom Jahre 1781 zu schliessen, hat [...] ehedem ein solcher Flurzwang bestanden." 1805 hatte die Gemeindeversammlung die Aufhebung des Zelgrechts beschlossen.

Im folgenden sollen die drei Nutzungszonen der historischen Flurordnung von Mörschwil SG näher beleuchtet werden:

1. Wohnbereich und Sonderzonen

Gemäss der detaillierten Ehrat-Karte von 1781 standen im inneren Bereich von Mörschwil SG und der umliegenden Weiler nicht nur die Wohn- und Ökonomiegebäude der Bewohner, sondern es befanden sich dort zudem Gärten, Baumgärten und intensiv genutztes Pflanzland.

Abbildung: Ehrat-Karte (1781) mit der Hueb und den angrenzenden Fluren Bomert, Bitze, Hauswies.

Zum Schutz vor einbrechendem Vieh sowie zur Abgrenzung verschiedener Fluren spielten Hecken und Zäune in der Landschaftsstruktur bis ins 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle. Der so genannte Etter verlief rund ums Dorf und grenzte den Siedlungsraum scharf ab von den landwirtschaftlich genutzten Zelgen. Auch Sondernutzungszonen waren durch Hecken und Zäune ausgeschieden; in Mörschwil SG finden wir im Ortsnamenmaterial etliche Hinweise auf solche Sondernutzungszonen in Siedlungsnähe:

  1. Baumgarten (diverse Fluren mit dem Namen Bomert sind 1781 belegt)
  2. Bitzi (Bitzi ist ein heute weit gehend überbautes Gebiet in der Nähe des Dorfzentrums). Die "Bitzi" ist eine eingehagte Flur, die vom übrigen Kulturland durch einen Zaun abgetrennt ist.
  3. Bünt (erwähnt 1781; die Bünt lag im Gebiet des heutigen Friedhofs). Die "Bünt" ist ein Grundstück, das als eingezäuntes Pflanzland für Hanf, Flachs, Gemüse dem Privatgebrauch diente.
  4. Ifang (Infang hiessen verschiedene 1781 erwähnte Fluren, und zwar im Vorderstaag, Alberenberg, Taa und beim Flurhof). Ein "Ifang" war ein eingezäuntes Stück Land, das meist als Wiese genutzt wurde.
  5. Gärten (Gärtli heisst heute noch ein Hof in der Nähe des Weilers Horchental, Augarten ist ein weit gehend überbautes Gebiet in der Nähe des Dorfzentrums).
    Gärten waren zur Zeit der Dreizelgenwirtschaft vom allgemeinen Weidgang ausgenommen und waren deshalb eingezäunt.

2. Ackerflur (Zelgen)

Durch das starke Bevölkerungswachstum im Hochmittelalter und die damit verbundene Ausdehnung des Ackerbaus entstanden auch in unserer Region genossenschaftlich organisierte Bodennutzungssysteme, insbesondere die Dreizelgenwirtschaft.

Die Ackerflur der Dörfer wurde in drei etwa gleich grosse Zelgen unterteilt und bezüglich Anbaurhythmus und angebauter Kulturpflanzen gleichartig genutzt: alle Parzellen der Sommerzelge wurden mit Sommergetreide, jene der Winterzelge mit Wintergetreide bepflanzt, während das Brachland der Beweidung durch das Vieh zugänglich war. Im Folgejahr wurde rotiert, was eine systematische Fruchtfolge ermöglichte. Dadurch, dass jeder Bauer (mindestens theoretisch) in etwa gleich viele Parzellen in jeder Zelg besass, konnte er jedes Jahr sowohl Winter- wie auch Sommergetreide ernten.

Die historischen Flurnamen deuten darauf hin, dass Mörschwil SG nicht eine zentrale Flurordnung hatte, sondern dass verschiedene Weiler ihre eigenen Zelgen besassen. So finden wir auf der Karte von Ehrat (1781) beispielsweise die Mörschwiler Zelg, die Näppenschwiler Zelg, die Beggetwiler Unterzelg, die Reggenschwiler Zelg, die Riederen Zelg, die Büeler Zelg, die Horchentaler Zelg sowie die Hindere, die Mittlere, die Obere und die Vordere Zelg des Weilers Staag. Die vielen Zelg-Flurnamen, die 1781 (aber auch im Helvetischen Kataster von 1802) noch belegt sind, deuten darauf hin, dass die Zelgenwirtschaft wohl noch bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts mehr oder weniger intakt war.

Abbildung: Die Ehrat-Karte (1781) zeigt (rechts unten) die Horchentaler Zelg.