Eigentums-, Besitz-, Nutzungs- und Lehensrecht

 Häufig informieren Flurnamen über eigentums-, besitz- und lehensrechtliche Verhältnisse. So hat der Hof Lehn in Mörschwil SG seinen Namen vom Begriff 'Lehen'; das Gut war also vom Grundherrn (in diesem Fall der Bischof von Konstanz) gegen eine Naturalabgabe sowie gegen hoheitliche und richterliche Rechte an einen Lehensnehmer zur Nutzung überlassen worden. Solche Lehensverhältnisse wurden in Lehensbriefen verbrieft. 

Abbildung: Ein Lehensbrief des Abtes von Einsiedeln aus dem Jahre 1786 (Quelle: monasterium.net)

Der 1802 erwähnte Zentacker (†) bezieht sich auf eine solche Naturalabgabe („Zehnten“), die an den Grundherrn geleistet werden musste. Der Zentacker war offenbar ein Feld, auf dem eine solche Steuer lastete, die gewissermassen den zehnten Teil des Einkommens bzw. des Ertrags umfasste.

Flurnamen, die mit einem Personennamen gefügt sind, weisen auf den an der Flur Berechtigten hin, also auf den jeweiligen Eigentümer oder Bewirtschafter. Der Adamsacker (†, erwähnt 1802) gehörte einem Adam, das Baschonenholz (†, erwähnt 1781) einem Baschon (Kurzname für Sebastian), die Zinggenwaid (†, erwähnt 1781) einem Zingg (ein alteingesessenes Geschlecht in Mörschwil SG). Interessant ist der Richtersacker (†, erwähnt 1802), der offenbar jemandem gehörte, der als Richter amtete (ein Familienname Richter ist nämlich in den Urkunden nicht belegt).

Lusser (Lausser) bzw. der Lusseracker (†, erwähnt 1802) haben weder mit Läusen noch mit "Verlierern" zu tun, sondern schulden ihren Namen wohl der verbreiteten Gepflogenheit, gewisse Teile der grundsätzlich kollektiv genutzten Allmend durch Los zur zeitlich beschränkten, individuellen Nutzung einem Berechtigten abzugeben. Hier zeigt sich ein Verteilungsverfahren, das - dem Gerechtigkeitsgedanken verpflichtet - allen Berechtigten die gleiche Chance auf Zuteilung einräumt, und deshalb eine hohe Akzeptanz geniesst (auch wenn dem Losverfahren auch viele Nachteile anhaften, wie etwa die Blindheit für sachlich relevante Unterschiede zwischen den Kandidaten). Dies erklärt, weshalb dieses Verfahren auch heute noch praktiziert wird, wie § 10 des Allmendreglements der Bürgergemeinde Büsserach SO aus dem Jahr 1989 zeigt: "Es ist Rücksicht zu nehmen auf die Grösse der bewirtschafteten Gesamtfläche vom Allmendland. Dort wo das Land in Lose eingeteilt wird, hat jeder Selbstbewirtschafter Anrecht auf ein Los. (....)".